Brauchen wir eine Hebeanlage? Rechnen mit Zentimetern
Die Frage, die alles kosten kann
Seit dem Hin und Her mit dem Kanal wissen wir, dass unser Grundstück einen neuen Kanal bekommt. Offen war aber noch eine ganz praktische Frage: Fließt unser Abwasser von allein dorthin, oder brauchen wir eine Hebeanlage?
Eine Hebeanlage ist im Grunde ein Pumpschacht im Garten, der das Abwasser in den Kanal drückt. Komplett mit Einbau kostet so etwas schnell 6.000 bis 12.000 €, dazu kommen jedes Jahr Wartung und Strom. Und wenn die Pumpe ausfällt, steht man im wahrsten Sinne des Wortes im Abwasser. Das wollten wir unbedingt vermeiden.
Auf den Zentimeter genau
Abwasser braucht Gefälle. Also haben wir uns die Pläne vorgenommen und die Höhen zusammengesucht (alle Werte in Metern über Normalhöhennull):
- Fertigfußboden im Erdgeschoss: 278,75
- Kanaldeckel des Schachts in der Straße: 278,69. Das ist gleichzeitig die sogenannte Rückstauebene, also die Höhe, bis zu der das Wasser bei Starkregen im Kanal zurückdrücken kann.
- Sohle des Schachts, also sein tiefster Punkt: 277,04
Unser Fußboden liegt also gerade einmal 6 cm über der Rückstauebene. Das klingt erst einmal knapp. Für die Rechnung zählt aber etwas anderes: Unter der Bodenplatte müssen Estrich, Platte, Dämmung und das Rohr selbst Platz haben. Das Abwasserrohr muss deshalb mindestens rund 80 cm unter dem Fußboden liegen, also tiefer als 277,95.
Von dort muss es mit Gefälle bis zum Kanal laufen. Und jeder Meter Leitung kostet Höhe.
Welcher Weg zum Kanal?
Küche und Duschbad im Erdgeschoss liegen an der Westseite des Hauses. Dort kommen auch die Abwasserleitungen aus der Bodenplatte. Wir haben verschiedene Wege durchgespielt, unter anderem einen Bogen um die Garage herum und eine lange Strecke über die Zufahrt. Jeder Umweg kostet Höhe, deshalb gehen wir den kürzesten Weg, auch wenn er nicht der schönste ist:
Rund 25 m vom Haus bis zum Kanal: an der Westwand entlang, unter der Garage durch, dann in den Schacht.

Im Lageplan eingezeichnet: Grün ist unsere Leitung, das Quadrat der Kontrollschacht, der Kreis der Schacht in der Straße.
Die Leitung läuft außen an der Westwand entlang, dann unter der Garage hindurch zu einem Kontrollschacht an der Grundstücksecke. Von dort sind es nur noch gut zweieinhalb Meter bis zum Schacht in der Straße.
Unter der Garage durch wollten wir eigentlich nicht. Eine Leitung unter einer Bodenplatte kommt man später nur schwer wieder heran. Aber der kürzeste Weg führt nun einmal dort entlang, und jeder Meter Umweg frisst Gefälle. Also gehen wir notgedrungen unter der Garage her. Immerhin ist das auch gut für den Geldbeutel: Je kürzer das Stück im öffentlichen Straßenraum, desto weniger muss aufgerissen werden.
Ob die Leitung am Ende wirklich so verläuft, zeigen erst die finalen Berechnungen. Bis die vorliegen, dauert es noch ein wenig: Wir warten auf Rückmeldung vom Amt.
1 % statt 2 %: weniger ist hier mehr
Bei Abwasserleitungen denkt man gern „viel hilft viel“ und plant mit 2 % Gefälle, also 2 cm pro Meter. Die Norm (DIN 1986-100) verlangt bei unserem Rohrdurchmesser von 150 mm aber deutlich weniger: außerhalb des Hauses rund 0,7 %, unter dem Haus sogar nur 0,5 %.
Wir haben uns deshalb für 1 % Gefälle entschieden. Das bringt gleich zwei Vorteile:
- Mehr Luft nach unten. Auf 25 m verliert die Leitung nur 25 cm Höhe statt 50 cm. Selbst wenn wir vorsichtig ab der Schachtsohle von 277,04 rechnen, liegt das Rohr an der Küche bei 277,29, also 66 cm tiefer als nötig.
- Frostsicher. An der Westwand liegt die Leitung recht nah an der Oberfläche. Dort muss mindestens 80 cm Erde über dem Rohr liegen, damit im Winter nichts einfriert. Mit 2 % wären es nur gut 70 cm gewesen. Mit 1 % liegt das Rohr tiefer, und es sind rund 95 cm.
Der Längsschnitt: Die rote Linie ist unsere Leitung mit 1 %, gestrichelt der Vergleich mit 2 %.
1 % klingt nach wenig. Für einen Hausanschluss ist das aber völlig üblich, und das Abwasser fließt damit problemlos ab. Wichtig ist nur, dass sauber verlegt wird: per Laser, auf gut verdichtetem Untergrund und mit einer Höhenkontrolle, bevor der Graben wieder zugeschüttet wird.
Der Ortstermin mit der Stadt
Eine Zahl konnten wir aus den Plänen aber nicht ablesen, und an der hing alles: Auf welcher Höhe kommt der neue Kanal an? Läuft er weit oben in den Schacht ein, frisst das unsere ganze Reserve.
Heute, am 15. Oktober, waren wir deshalb mit dem Fachbereichsleiter der Stadtwerke auf dem Grundstück. Vorbereitet hatten wir eine kleine Staffel: Bis zu welcher Einlaufhöhe geht es mit 2 %, bis wohin mit 1 %, und ab wann wird es unangenehm.
Die Zahl, mit der wir zum Termin gefahren sind: Höher als 277,70 hätte der neue Kanal nicht ankommen dürfen.
Die Antwort war die beste, die wir uns wünschen konnten: Der Anschluss soll bei 276,63 liegen und damit noch gut 40 cm tiefer als die 277,04, mit denen wir zur Sicherheit gerechnet hatten. Mit 1 % Gefälle liegt das Rohr an der Küche dann bei rund 276,88, also mehr als einen Meter unter der Grenze von 277,95. Wenn das so bleibt, heißt das: keine Hebeanlage, keine Pumpe, kein Wartungsvertrag. Das Abwasser läuft ganz von allein.
Und sonst?
Ein paar Dinge haben wir bei der Rechnerei noch mitgenommen:
- Die Garage liegt unter der Rückstauebene. Ihr Boden liegt bei 278,38, also gut 30 cm unter dem Kanaldeckel. Einen Bodenablauf in der Garage gibt es deshalb nur mit Rückstausicherung, sonst kann bei Starkregen Wasser aus dem Kanal zurückdrücken.
- Hinter der Garage wird aufgefüllt. Zum Garten hin kommt später eine Tür, die fast ebenerdig sein soll. Dafür wird das Gelände an der Westseite bis auf Höhe des Garagenbodens aufgefüllt, und das hilft auch beim Frostschutz für die Leitung. Die Erde dafür kommt aus dem Aushub, der seit Beginn der Erdarbeiten auf dem Grundstück liegt.
- Die Reihenfolge zählt. Die Leitung unter der Garage muss liegen, geprüft und dicht sein, bevor die Garagenbodenplatte gegossen wird.
Wie es weitergeht
Noch ist das unsere eigene Rechnung auf Basis der Pläne. Verbindlich wird es erst mit den finalen Berechnungen, und dafür warten wir auf die Rückmeldung vom Amt. Sobald die da ist, wissen wir, ob die Leitung wirklich unter der Garage durchgeht und mit welchem Gefälle. Wir halten euch auf dem Laufenden.
So unspektakulär ein Abwasserrohr ist: Selten haben wir uns so über ein paar Zentimeter gefreut.